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Woche der Wiederbelebung: Herzstillstand am Frühstückstisch

Anlässlich der bundesweiten „Woche der Wiederbelebung“ unterstreicht die Universitätsmedizin Göttingen (UMG) die Bedeutung einer schnellen Rettungskette. Als Martin Klinger beim gemeinsamen Frühstück einen Herzstillstand erlitt, handelten seine Familie und seine Nachbarschaft sofort.

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Familie Klinger: Janin und Jonas beim Besuch von Ehemann und Vater Martin in der Frührehabilitation (v.l.n.r.). Foto: umg/eva meyer-besting
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Priv.-Doz. Dr. Katrin Wasser, Oberärztin in der Klinik für Neurologie der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) und Nachbarin der Familie Klinger war als erste Ersthelferin vor Ort und begann die Herzdruckmassage. Foto: umg/samer al mhethawi
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Professionelle Rettungskette: Dr.Martin Lier, Leitender Hubschrauberarzt und Oberarzt in der Klinik für Anästhesiologie der Universitätsmedizin Göttingen (UMG), Dr. Holger Rosemann, Facharzt in der Klinik für Anästhesiologie der UMG und Teammitglied der Luftrettung im Christoph 44, Prof. Dr. Constanze Schmidt, Direktorin der Klinik für Kardiologie und Pneumologie der UMG und Priv.-Doz. Dr. Ruben Evertz, Oberarzt in der Klinik für Kardiologie und Pneumologie und Leiter des Cardiac Arrest Centers der UMG, übernahmen die weitere Behandlung des Patienten Martin Klinger. Foto: umg/eva meyer-besting

Laut Bundesministerium für Gesundheit erleiden in Deutschland jedes Jahr rund 120.000 Menschen einen plötzlichen Herz-Kreislauf-Stillstand außerhalb des Krankenhauses. In knapp der Hälfte der Fälle sind Angehörige, Passant*innen oder andere Personen in der Nähe, die helfen könnten. Eine unverzüglich begonnene Herzdruckmassage kann die Überlebenschancen deutlich erhöhen. 

Wie wichtig schnelles Handeln ist, zeigt der Fall von Martin Klinger. Der 47-Jährige lebt seit rund 18 Jahren mit einer dilatativen Kardiomyopathie, einer krankhaften Erweiterung des Herzmuskels. Dass es aufgrund seiner Herzerkrankung grundsätzlich zu einem schweren Notfall kommen könnte, war ihm und seiner Familie bewusst. Am Samstag, den 29. August 2026, trat dieser Notfall ein: Beim Abräumen des Frühstückstisches setzte sich Martin Klinger plötzlich hin. Kurz darauf reagierte er nicht mehr und rutschte vom Stuhl. Seine Frau Janin rief den gemeinsamen Sohn Jonas hinzu. Der 13-Jährige setzte sofort den Notruf ab und brachte seinen noch atmenden Vater in die stabile Seitenlage. Janin Klinger lief zeitgleich zu den Nachbar*innen, um Unterstützung zu holen.

„Wir haben immer wieder darüber gesprochen, was passieren könnte. Meine größte Angst war immer, dass Jonas in so einer Situation einmal allein mit seinem Vater ist“, erzählt Janin Klinger. „Wenn man vorher darüber gesprochen hat, reagiert man in einer solchen Situation anders. Das ist natürlich nicht schön für ein Kind. Aber es ist besser, als völlig unvorbereitet damit konfrontiert zu werden.“

„Als es dann tatsächlich passiert ist, war gar kein Denken mehr da. Es war pures Handeln. Ich wusste, dass ich den Notruf wählen muss und Hilfe benötigt wird“, sagt der Sohn Jonas Klinger.

Hilfe aus der Nachbarschaft
In der Nachbarschaft der Familie Klinger wohnen viele Ärzt*innen, darunter Priv.-Doz. Dr. Katrin Wasser, Oberärztin in der Klinik für Neurologie der Universitätsmedizin Göttingen (UMG). Sie erkannte den Herz-Kreislauf-Stillstand und begann gemeinsam mit den benachbarten Kolleg*innen die Wiederbelebung.   Parallel wurden über die App „Region der Lebensretter“ weitere qualifizierte Ersthelfende in der Umgebung alarmiert. 

„Als Janin bei uns geklingelt und um Hilfe gebeten hat, sind wir sofort aufgesprungen und so schnell es ging zu Martin gerannt. Vor Ort war Martin nicht mehr ansprechbar. Wir haben direkt mit der Reanimation begonnen und gleichzeitig weitere Hilfe organisiert. In kürzester Zeit waren wir mehrere medizinisch ausgebildete Menschen vor Ort. Dadurch konnten wir die Aufgaben direkt verteilen und uns auf Martin konzentrieren. Innerhalb weniger Minuten entstand eine sehr gut koordinierte Erstversorgung“, erinnert sich Dr. Wasser.

„Ich glaube nicht, dass jeder so viele Ärzt*innen in der Nachbarschaft hat wie wir. Wir hatten sehr viel Glück. Uns ist aber auch bewusst geworden, dass eine solche Situation nicht selbstverständlich ist“, sagt Janin Klinger.

Unterstützung durch Rettungsdienst und Luftrettung 
Rettungswagen und Rettungshubschrauber trafen fast zeitgleich ein, rund neun Minuten nach dem Herzstillstand. Dr. Holger Rosemann, Facharzt in der Klinik für Anästhesiologie der UMG und Teil des Teams des von der DRF Luftrettung betriebenen Rettungshubschraubers Christoph 44, übernahm gemeinsam mit seinen Kolleg*innen die professionelle Versorgung: „Als wir eintrafen, lief die Reanimation bereits. Das ist genau das, was wir uns bei einem Herz-Kreislauf-Stillstand wünschen: dass die Menschen vor Ort nicht abwarten, sondern sofort den Notruf wählen und mit den ersten Maßnahmen beginnen. Für uns als Rettungsdienst ist es ein großer Unterschied, ob wir eintreffen und bereits eine Reanimation läuft oder ob bis zu unserem Eintreffen nichts passiert ist. Jede Maßnahme, die vorher begonnen wird, überbrückt wertvolle Zeit.“

Dr. Martin Lier, Leitender Hubschrauberarzt und Oberarzt in der Klinik für Anästhesiologie der UMG, ergänzt: „Bei einem solchen Einsatz greifen viele einzelne Bausteine ineinander. Die Ersthelfenden – im Regelfall Angehörige, zufällig Anwesende und andere medizinische Laien beginnen mit der Versorgung und über Apps werden medizinisch ausgebildete Ersthelfende dazu alarmiert. Schließlich übernimmt der Rettungsdienst die weitere Stabilisierung der betroffenen Person. Die Luftrettung bringt eine spezielle Expertise oder wenn notwendig, spezielle Ausrüstung dazu und kann bei größeren Entfernungen einen schnellen Transport in ein spezialisiertes Zentrum ermöglichen. Im Fall von Martin Klinger hat dieses Zusammenspiel sehr gut funktioniert. Eine so früh einsetzende und lückenlose Rettungskette ist im Alltag jedoch keine Selbstverständlichkeit.“

Bereits am Einsatzort konnte der eigene Kreislauf von Martin Klinger wiederhergestellt und der Kreislaufstillstand beendet werden.

Behandlung im Cardiac Arrest Center
Mit dem Rettungswagen und in Begleitung von Dr. Rosemann wurde Martin Klinger in die UMG gebracht und im Rahmen des Cardiac Arrest Centers im Herzkatheterlabor untersucht. Priv.-Doz. Dr. Ruben Evertz, Oberarzt in der Klinik für Kardiologie und Pneumologie und Leiter des Cardiac Arrest Centers der UMG, sagt: „Bei einem Herz-Kreislauf-Stillstand zählt zunächst jede Minute. Wenn der Kreislauf wiederhergestellt ist, beginnt jedoch die nächste entscheidende Phase: Wir müssen die Ursache klären, mögliche Folgen behandeln und das Risiko eines erneuten Ereignisses möglichst reduzieren.“

Die weitere Versorgung erfolgte in der Klinik für Kardiologie und Pneumologie unter der Leitung von Prof. Dr. Constanze Schmidt. Aufgrund der bekannten Herzmuskelerkrankung und der schweren Herzrhythmusstörungen wurde Martin Klinger auf den kardiologischen Stationen engmaschig überwacht. Prof. Schmidt leitete die Behandlung der Herzmuskelerkrankung und setzte bei Martin Klinger einen implantierbaren Kardioverter-Defibrillator (ICD) ein. Das Gerät überwacht den Herzrhythmus und kann bei lebensbedrohlichen Störungen eine elektrische Therapie abgeben.

„Nach dem überstandenen Herzstillstand war es wichtig, die Herzrhythmusstörungen genau zu beobachten und das Risiko eines weiteren gefährlichen Ereignisses zu reduzieren. Mit dem ICD haben wir eine zusätzliche Sicherheit geschaffen. Im weiteren Verlauf werden wir prüfen, welche Behandlung der Rhythmusstörungen für Martin Klinger sinnvoll ist und ob eine Katheterablation infrage kommt. Zudem haben wir heute sehr gute medikamentöse Therapieoptionen, um spezielle Herzmuskelerkrankungen gezielt zu therapieren“, sagt Prof. Schmidt.

Rund drei Stunden nach dem Ereignis konnte die Familie aufatmen: Bereits am Abend konnte Martin Klinger wieder mit seiner Frau und seinem Sohn sprechen. Er selbst erinnert sich nur schemenhaft an die ersten Stunden nach dem Herzstillstand: „Das Erste, was ich wahrgenommen habe, war eine Frauenstimme. Ich wollte die Augen aufmachen, aber es ging nicht. Ich konnte mich nicht bewegen und nicht sprechen. Erst als ich meine Frau und meinen Sohn gesehen habe, habe ich verstanden, dass ich wieder da bin.“

Nach dem Krankenhausaufenthalt wechselte Martin Klinger in die Frührehabilitation und wird anschließend in der Rehabilitation weiter auf die Rückkehr in seinen Alltag vorbereitet.

Eine Rettungskette beginnt vor Ort
„Viele Menschen haben Angst, bei einer Wiederbelebung etwas falsch zu machen. Bei einem Herz-Kreislauf-Stillstand ist Nichtstun jedoch keine Alternative. Den Notruf 112 wählen und mit der Herzdruckmassage beginnen – damit kann jeder Mensch die entscheidende Zeit bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes überbrücken. Wenn ein AED zur Verfügung steht, sollte auch dieser eingesetzt werden. Die Geräte sind so konzipiert, dass sie den Herzrhythmus selbstständig analysieren und nur dann einen Schock abgeben, wenn dieser medizinisch erforderlich ist“, sagt Prof. Dr. Konrad Meissner, Direktor der Klinik für Anästhesiologie der UMG. 

Für Janin Klinger ist aus dem Erlebnis vor allem eines geblieben: „Man merkt erst durch so etwas, was für ein tolles Umfeld und was für tolle Menschen man um sich hat. Unsere Nachbar*innen, denen man sonst oft nur Hallo sagt, waren plötzlich da und haben geholfen. Dafür sind wir sehr dankbar.“

 

Pressekontakt:
Universitätsmedizin Göttingen, Georg-August-Universität
Leitung Unternehmenskommunikation
Lena Bösch 
Von-Siebold-Str. 3, 37075 Göttingen
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