Stress lass nach

Der Weg aus dem Teufelskreis ist eine ganzheitliche Herzmedizin

Stress hat unmittelbaren Einfluss auf das vegetative Nervensystem und den ganzen Körper: Herz und Atmung beschleunigen sich, die Muskeln werden stärker durchblutet, wir werden aufmerksamer und reizbarer. Für unsere Vorfahren war das überlebenswichtig, denn bei Gefahr mussten sie kämpfen oder fliehen. Auch heute ermöglicht uns diese Körperreaktion, in Gefahrensituationen schnell zu reagieren und die maximale Körperkraft einzusetzen. Der heutige Stress ist allerdings nur selten mit Muskelaktivität verbunden und hält häufig länger an – mit gesundheitlichen Folgen: Eine Aktivierung von Herz und Kreislauf ohne Muskelaktivität lässt den Blutdruck steigen. Geschieht das über einen längeren Zeitraum, gewöhnt sich der Organismus an die zu hohen Werte, es kommt zur Hochdruckerkrankung. Auch die Blutgefäße verengen sich. Dazu tragen Entzündungsvorgänge bei, die unter Stress verstärkt ablaufen. Eine amerikanische Studie konnte kürzlich zeigen, dass unter Stress nicht nur – wie schon bekannt - die Amygdala, der „Mandelkern“ des Gehirns, verstärkt aktiv wird, sondern dass auch das Knochenmark vermehrt arbeitet. Die dort gebildeten Entzündungszellen reichern sich in den Wänden der Blutgefäße an und führen zum Voranschreiten der Gefäßverengungen, sodass es schließlich auch vermehrt zu Herzproblemen wie z.B. Herzinfarkten kommt. Dazu trägt auch bei, dass das Blut unter Stress leichter gerinnt. Allerdings sind nicht alle Menschen gleich anfällig für Stress. Genetische Faktoren sowie Erfahrungen in der Kindheit entscheiden mit, wie stressanfällig wir als Erwachsene sind.

Oft treten bei Angst und Stress funktionelle Herzbeschwerden wie Herzrasen oder Herzstolpern auf, obwohl das Herz (noch) gesund ist. Eine rein körpermedizinische Behandlung bleibt dann erfolglos. Das verunsichert Betroffene und schränkt sie in ihrem Alltag ein. Auch eine tatsächlich bestehende Herzkrankheit kann die Psyche stark belasten, vor allem, wenn sie sehr akut auftritt, mit deutlichen Beeinträchtigungen im Alltag einhergeht oder von Medikamenten-Nebenwirkungen, Schockabgaben eines implantierten Defibrillators bzw. häufigen Krankenhausaufenthalten begleitet ist. Ängste vor einer Überforderung, z.B. in einer stressigen Berufstätigkeit, können mit der Befürchtung einhergehen, stressbedingt einen (erneuten) Herzinfarkt zu bekommen. Missempfindungen in der Herzgegend können – auch wenn sich keine körperliche Ursache nachweisen lässt - zur Vermeidung körperlicher Aktivitäten führen und dadurch zur Schwächung des Herzens beitragen. Eine verminderte körperliche Leistungsfähigkeit aber auch z.B. Potenzstörungen, die nicht selten als Folge der Gefäßerkrankung, der Herzmedikamente oder auch von Ängsten vor Überforderung beim Sex auftreten, nähren Selbstzweifel und können in eine Depression münden, die die Lebensqualität stark beeinträchtigt. Nicht selten kommt es zu einem Teufelskreis aus Herzkrankheit und psychischen Problemen, bis hin zum beschleunigten Voranschreiten der Herzkrankheit und dem Auftreten von (erneuten) Herzinfarkten, Herzschwäche oder Herzrhythmusstörungen.

Dazu trägt bei, dass es unter psychischer Belastung besonders schwerfällt, nachhaltig herzgesund zu leben. Fast allen Herzpatient*innen ist bewusst, dass konsequente Rauchabstinenz, gesunde Ernährung, ausreichend Bewegung und Entspannung, regelmäßige Medikamenteneinnahmen und ärztliche Kontrollen entscheidend für die Herzgesundheit sind. Dennoch gelingt es vielen Betroffenen nicht, den „inneren Schweinehund“ langfristig zu besänftigen. Das gilt insbesondere dann, wenn sich Rauchen oder Frustessen in der Vergangenheit als „Stressbremsen“ bewährt zu haben schienen oder der Alltagsstress keine Zeit für Sport, Entspannung oder Arztbesuche zu lassen scheint.  

Hilfsangebote der Psychokardiologie

Um solchen Problemen vorzubeugen, arbeiten im Herzzentrum der Universitätsmedizin Göttingen die Kliniken für Kardiologie und Herzchirurgie eng mit der Psychosomatik zusammen. Sie bieten den Patient*innen schon während des Krankenhausaufenthaltes unterstützende Gespräche sowie Hilfe bei der weiteren Therapieplanung an. So ist es hilfreich, im Rahmen der Herz-Rehabilitation zusätzlich zur medizinischen Behandlung psychologische Gespräche und Kurse zur Stressbewältigung zu nutzen. Und auch ein konsequentes aber maßvolles körperliches Trainingsprogramm kann helfen, wieder Vertrauen in Herz und Körper zu fassen.

Vor einer besonderen Herausforderung stehen die Patient*innen oft bei der Rückkehr in ihren Lebensalltag. Für Betroffene, die weiterhin unter Ängsten, Antriebsmangel, Niedergeschlagenheit oder unklaren Körperbeschwerden leiden, ist meist die Hausärztin/der Hausarzt die/der erste Ansprechpartner*in. Gemeinsam kann besprochen werden, ob eine weitere Abklärung und Behandlung angezeigt ist. Gelegentlich reichen schon einige hausärztliche Gespräche im Rahmen der sogenannten Psychosomatischen Grundversorgung aus, um sich mit der neuen Lebenssituation zu arrangieren. Auch immer mehr Kardiolog*innen haben mittlerweile die Qualifikation zur Durchführung hilfreicher Gespräche über seelische Probleme im Zusammenhang mit der Herzkrankheit erworben.

Sofern die Gespräche nicht ausreichen, sollte eine Abklärung bei einer/einem Psychosomatiker*in oder Psychotherapeut*in erfolgen, beispielsweise in der psychokardiologischen Ambulanz der UMG. Hier können sowohl die körperlichen Befunde sorgfältig besprochen, als auch den Ursachen von Angst, Depression oder unklaren Körperbeschwerden auf den Grund gegangen und passgenaue Behandlungsmaßnahmen vereinbart werden. Behandlungsoptionen sind z.B. Sport und Entspannungstrainings, die Teilnahme an einer Gesprächsgruppe, kürzere oder längere psychotherapeutische Behandlungen oder in einigen Fällen antidepressive Medikamente, deren Auswahl sorgfältig auf die Herzerkrankung und mögliche Wechselwirkungen mit der Herzmedikation abgestimmt werden muss.

Im Team der psychokardiologischen Station wird die Behandlung auf jede*n Patient*in individuell abgestimmt.

In einer Göttinger Pilotstudie konnte kürzlich gezeigt werden, dass auch eine regelmäßige Begleitung durch nicht ärztliche Behandlungsassistent*innen zur Verbesserung des psychischen Befindens beitragen kann. Zusätzlich gelang es den Patient*innen in der Studie besser, einen herzgesunden Lebensstil einzuhalten. In der aus der UMG geleiteten bundesweiten TEACH-Studie soll die Wirksamkeit der Begleitung an einer größeren Patient*innenenzahl belegt werden, um eine Übernahme durch die Krankenkassen in der Regelversorgung zu erreichen.

Wenn ambulante Behandlungsangebote wegen Schwere und Dauer von Herzerkrankung und/ oder psychischer Belastung nicht ausreichen und der Alltag zunehmend beeinträchtigt wird, sollte die Möglichkeit einer stationären psychokardiologischen Rehamaßnahme oder Krankenhausbehandlung geprüft werden. Bei Notwendigkeit einer psychokardiologischen Krankenhausbehandlung kann diese kurzfristig an der UMG auf der bundesweit ersten psychokardiologischen Station in einem universitären Herzzentrum angeboten werden. 

Autor

Direktor

Prof. Dr. Christoph Herrmann-Lingen

Sekretariat

Weitere Informationen

Für Fragen steht Ihnen das Infocenter des Herzzentrums der Universitätsmedizin Göttingen gerne zur Verfügung.

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